|
Eurythmie
Darstellung der Eurythmie als zeitgemäße
Bewegungskunst
(Textbearbeitung von Angelika
Jaschke und Andrea Tessen)
Entstehung und Entwicklung der Eurythmie
Inmitten einer Zeit des geistesgeschichtlichen Umbruchs im Jahre 1912 schuf Rudolf Steiner
eine neue Bewegungskunst, die Eurythmie, die als sichtbarer Gesang, sichtbare Sprache
verstanden und entwickelt wurde.
Ohne bei den Formen des Ausdruckstanzes, der Pantomime oder des klassischen Balletts
Zuflucht zu nehmen, gibt die Eurythmie auf unverwechselbare Weise jedem Vokal, jedem
Konsonanten, Ton, Intervall... eine Bewegungsintention, die sich aus den
Gesetzmäßigkeiten der Wort- und Tonkunst erschließt.
Kulturelle Entwicklung am
Beginn des 20.Jahrhunderts
Die Kunst des beginnenden 20.Jahrhunderts erscheint insgesamt als der Versuch, dem inneren
Wahrnehmungsprozess von Form, Farbe, Ton und Laut eine adäquate, vom äußeren Gegenstand
losgelöste ( absolute, d.h. für das Seelische und Geistige durchlässige ) Gestalt oder
Klangwirklichkeit zu geben.
Die Kunst der Moderne bewegt sich auf das Wesen des Instrumentalen zu, in dem
Rein-Geistiges und Seelisches erscheinen kann.
Die Eurythmie stellt sich in diesen Bezug. Sie spiegelt die Ordnungen und Bildeprozesse
des menschlichen Organismus und der Natur insgesamt und offenbart die darin verborgenen (
wirksamen ) Gestaltungskräfte. Dabei sind es die Gebärden und Bewegungen des Wortes, des
Lautes und des Tones selbst, und die in ihnen wirkenden Gestaltungskräfte, die durch die
menschliche Gestalt und Bewegung hindurch zum inneren Erlebnis werden.
Wortbedeutung
Das Wort Eurythmie stammt aus dem Griechischen. Eu kann mit gut, schön, wahr,
richtig übersetzt werden, rhythmos mit gegliederte Stetigkeit.
So bedeutet Eurythmie : schöner oder wahrer Rhythmus.
Polarität und Rhythmus in
ihrer Beziehung zur Eurythmie
Rhythmus entsteht dort, wo Gegensätze aufeinandertreffen und ihre Vermittlung suchen. So
regelt z.B. der rhythmische Doppelschlag des Herzens das Verhältnis von oberem (kleinen)
und unterem (großen) Kreislauf. So entsteht im Atemrhythmus ein Austausch von Innen und
Außen, eine ausgewogene Wechselwirkung von Einatmung und Ausatmung, von Zusammenziehen
und Ausdehnen.
Rhythmische Ordnungen und lebendig ausgleichende Wechselwirkungen bilden sich überall, wo
polare Kräfte auftreten : im Seelischen als Sympathie - Antipathie, Spannung - Lösung,
Liebe - Haß, Freude - Trauer, Lachen - Weinen; in der Natur als Ebbe - Flut, Kälte -
Wärme, Hochdruck -Tiefdruck, Tag -Nacht, Wachsen - Welken.
Der Mensch geht in seinem Lebenslauf rhythmisch durch die Jahreszeiten, durch seine
Entwicklungsphasen, sein Wachstum, seine Ernährung, sein Wachen und Schlafen. So
eingespannt, befindet er sich in dem Rhythmus der Natur.
Diesem steht polar entgegen der Arhythmus des Bewußtseinspoles, des Denkens, der
Vorstellung.
Im Spannungsfeld von Denken und Fühlen entsteht im Menschen, vom Atemrhythmus getragen,
die Äußerung durch Ton und Wort. In der Eurythmie wird sie bis in die
Gliedmaßenbewegung, den Willensbereich getragen.
Die eurythmische Bewegung fordert die Polarität als Gestaltungsmittel. Aus dem
Zusammenspiel der Kraft und der Gegenkraft entsteht die lebendige Gebärde. In der bewußt
geführten Bewegung wird die Polarität zum geeigneten Ausdrucksmittel der Seele.
Von Anfang an werden die Anregungen für die Kunst der Eurythmie mit
pädagogisch-didaktischen und hygienisch-therapeutischen Übungen verbunden.
Z.B. das sogenannte Ballen und Spreizen, die Urgebärde des Zusammenziehens und
Ausdehnens, in der wir uns im Spreizen befreien, wie beim Lachen, in der wir uns im Ballen
zurückziehen, zusammenziehen in uns selbst, wie beim Weinen.
In dieser Übung werden Freude und Schmerz als Urerleben der Seele, Ein- und Ausatmung,
Weltverbundenheit und Abgeschlossenheit in sich in der umfassendsten Weise zum Ausdruck
gebracht.
Verschiedenste Aspekte des inneren und äußeren Bewegungsvermögens stehen bei diesen
Übungen im Vordergrund : Spannung und Lösung, Anregung und Beruhigung, Konzentration,
Raumorientierung, Gedächtnisstärkung, Willensstärkung, Polarisierung,
Harmonisierung.....
Insgesamt unterstützen sie das innere Gleichgewicht der Seele mit der Leibesgrundlage und
der Seele mit den kosmischen Zusammenhängen. Dieses Gleichgewicht der Seele sichtbar zu
machen, in der Entwicklung zu stärken und im Bereich der Prophylaxe gegenüber
kränkenden Zeiteinflüssen zu pflegen, ist eine wesentliche Aufgabe der Eurythmie in
ihren verschieden Bereichen :
der Eurythmie als
Bühnenkunst
der Eurythmie
innerhalb der Pädagogik
der Eurythmie als
Heilkunst, der Heileurythmie
Eurythmie in ihrer beruflichen
Differenzierung
Die von der Anthroposophie ausgehenden Impulse erweisen sich fruchtbar auf verschiedenen
Gebieten des geistigen und sozialen Lebens. Sie finden heute in der Pädagogik (
Waldorfschulen ), Heilpädagogik, Sozialtherapie, der Medizin ( ganzheitlicher
Therapieansatz ), der Landwirtschaft (biologisch-dynamische Landwirtschaft ), der
Architektur ( Goetheanistischer Baustil ) und der darstellenden Bewegungskunst (Eurythmie)
vielerorts Beachtung und Anerkennung.
Neben der Eurythmie als
Bühnenkunst existiert die pädagogisch-didaktische Eurythmie seit 1919.
"Diese pädagogische
Eurythmie ist nichts anderes als die ursprüngliche eurythmische Kunst, nur angepaßt an
das organische Wachsen der kindlichen Wesenheit und abgestimmt auf die Bedürfnisse ihrer
Entwicklungsstufen." ( Lea van der Pals )
Als beseelte Bewegung ergänzt
sie den Sportunterricht. Sie schult die innere Beweglichkeit, die Fähigkeit, komplexe,
sich verändernde Zusammenhänge wahrzunehmen und pflegt das soziale Empfinden.
Die hygienische Eurythmie und
die Betriebseurythmie wird in Laien- und Freizeitkursen ( zum Teil auch im Rahmen
industrieller Unternehmen als sogenannte Betriebseurythmie ) angeboten. Sie übt einen
allgemein gesundenden und harmonisierenden Einfluß auf die Menschen aus.. Auch gleicht
sie einseitige, durch Arbeit bedingte Belastungen aus. In ihrem präventiven Charakter
stellt sie einen Grenzbereich zwischen der pädagogischen Eurythmie und der Heileurythmie
dar.
Die Heileurythmie ( 1921 ) hat mit der Kunsteurythmie nur ihre Grundlage gemeinsam: die
aus der Gesetzmäßigkeit der Sprache oder Musik stammende Laut- bzw. Ton- oder
Intervallbewegung. Der Umgang damit ist jedoch diametral verschieden. Der Ausdruck des
Gesamtkunstwerkes verschwindet zugunsten der Heilkraft der einzelnen Laut-, Ton-,
Intervallbewegung. Jede Lautbewegung ( Ton-, Intervall- ) wird krankheitsspezifisch
umgewandelt und über lange Zeit intensiv geübt.
|